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Fachkonferenz Waldbewirtschaftung | Sachsen nachhaltig entwickeln!



Kommt der Wald unter die Räder?


Fachkonferenz Waldbewirtschaftung 2016



Am 17. November 2016 fand im Zeisigwald Chemnitz eine Fachkonferenz zum Thema Waldbewirtschaftung statt.

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Können Waldnutzungsstrategien, die sich am Vorbild der Wald-Natur orientieren, auch eine Option mit positiver Klimawirksamkeit sein? Es liegt in der Natur der Sache, dass unterschiedliche Blickwinkel und Interessen zu unterschiedlichen Strategien führen. Eine langfristige ökologische Gesundheit der Wälder darf nicht kurzzeitigen ökonomischen oder forstpolitischen Interessen geopfert werden.

Was sind die Bausteine für eine nachhaltige Waldwirtschaft und welche kommunalen Handlungsmöglichkeiten bestehen?

Stadtforstämter wie in Lübeck zeigen, dass in naturnahen und altholzreichen Wäldern mit überdurchschnittlich hohen Holzvorräten sowie Naturschutz-und Sozialwerten nicht nur hochwertige Holzsortimente ökologisch und ökonomisch nachhaltig erzeugt, sondern auch hohe Mengen an Kohlenstoff langfristig gebunden werden können. Durch eine extensive, eingriffsminimierte Waldbewirtschaftung und den damit einhergehenden starken Vorratsaufbau von Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft können die Naturnähe als auch die Kohlenstoffspeicherung und die Kohlenstoff-Senkenstärke der Wälder verbessert werden. Dabei wirken sich die bodenschutzschonenden Holzernteverfahren und die geringe maschinelle Frequentierung des Waldbodens positiv auf Kohlenstoffspeicherung bzw. den Schutz der Kohlenstoff-Vorräte in den organischen Auflagen aus.

Dr. Rolf Steffens - „Wald und Naturschutz. Anforderungen des Naturschutzes an die Waldbewirtschaftung“ - Fakten und Schlussfolgerungen aus dem Vortrag


Zur Geschichte der Waldnutzung in Sachsen



Bis in das 18. Jahrhundert bestand der Wald in Sachsen überwiegend aus Mittel- und Niederwald mit hoher Artenvielfalt. Im 19. und 20. Jahrhundert fand ein Übergang zu geregelter Forstwirtschaft mit Fichten- und Kiefern-Monokulturen und überwiegend Kahlschlagwirtschaft statt. Seit 1990 fand ein Übergang zu einer naturnahen Waldwirtschaft in den Staatsforsten statt. Für private Waldflächen wurde der Übergang zu naturnaher Bewirtschaftung gefördert. Kahlschläge von mehr als zwei Hektar sind seitdem genehmigungspflichtig.


Aktuelle Einschätzung der Situation



Die naturnahe Waldwirtschaft und der damit verbundene Waldumbau sind echte Fortschritte gegenüber der Kahlschlagwirtschaft. Allein dadurch ist jedoch kein hinreichender Schutz der biologischen Vielfalt des Waldes gegeben. Defizite ergeben sich im Vergleich zum Naturwald vor allem in den Bereichen flächenhafter junger Wald-Sukzessionsstadien sowie dem Zerfallsstadium.
Durch Vielfalt der Waldnutzungsformen- bis hin zum Einsatz von Großherbivoren zur Pflege offener bis halboffener Flächen- kann Abhilfe geschaffen werden.


Einteilung der Waldgebiete nach ihrer Nutzung



Wildnisgebiete: Hier soll eine Prozessschutz erfolgen, kein Einsatz von Technik mit Ausnahme notwendiger Verkehrssicherung (manuell/motormanuell)
Wälder ohne wirtschaftliche Nutzung: allgemeine Pflege, Gewährleistung besonderer Schutzfunktionen wie Erholung, Arten- und Biotopschutz, Verkehrssicherung u.a.), Einsatz von manueller/motormanueller Technik
Wälder mit wirtschaftlicher Nutzung und gleichzeitig wichtigen Schutzfunktionen (Erholungsgebiete, Quellgebiete, Moore, Sümpfe, Bachtälchen, sonst. hydromorphe Standorte): pflegliche Nutzung (motormanuell und maschinell)
übrige wirtschaftlich genutzte Wälder: maschinelle Technik (Harvester)


Weitere Hinweise



Die Roteiche als invasive Art muss (auch aus dem Staatsforst) herausgeschlagen werden, sonst haben einheimische Arten wie Rotbuche und Stieleiche keine Chance.
Die FSC-Zertifizierung Stadtwaldes der Stadt Chemnitz wäre ein positives für den Sachsenforst. Generell muss eine Anpassung von Technik und Technologie an den Wald erfolgen und nicht umgekehrt.

Zusammenfassung der Diskussion



Durch die Teilnehmenden wird festgestellt, dass es auch in Chemnitz noch Potenziale für eine Weiterentwicklung der Waldbewirtschaftung gibt. Die Funktionen des Waldes als Kohlenstoffspeicher, zur Erhalt der Biodiversität und als Erholungsort sollten in der Stadt Vorrang vor der forstwirtschaftlichen Nutzung haben.

Generell wird eine stärkerer Schutz des Waldbodens gefordert. Insbesondere der Einsatz von schweren Vollerntemaschinen (Harvester) wird kritisiert. Eine Alternative wäre der Einsatz von Rückepferden in sensiblen Waldteilen, wie er im Ebersdorfer Wald, unterstützt mit Naturschutzförderung, oder beispielsweise in Jena stattfindet. Auch andere Kommunen haben Rückegassen erweitert und Holzeinschlag in größeren Abständen durchgeführt (vgl. Peter Wohlleben: Menschenspuren im Wald).

Die Roteicheneinsätze im Zeisigwald werden als vorbildlich eingeschätzt, es bestehe aber Handlungsbedarf beim Staatsforst.

Es wurde kritisch diskutiert, ob der Einschlag einheimischer Bäume die Fällung von Bäumen in armen Ländern wirklich verhindert. Daneben wurde hinterfragt, ob ein sich selbst überlassener „Wildnis-Charakter“ automatisch zu einer naturnahen Entwicklung führt. Weitere andiskutierte Fragen waren der generelle Holzverbrauch, die FSC-Zertifizierung der Sächsischen Wälder und Fragen der Evaluierung der Entwicklung von Referenzflächen.

Daneben wurde gefordert, dass der Schutz sehr alter Waldbestandteile und Uraltbäume ein Naturschutzauftrag an die Forstwirtschaft sein muss.

Der Chemnitzer AGENDA-Beirat, der den Stadtrat in Sachen Nachhaltigkeit berät, wird überlegen mit welchen Mitteln einem mehr an Naturschutz und Klimaschutz in Chemnitzer Wäldern Rechnung getragen werden kann.


 
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